Gastbeitrag von Rahim Taghizadegan, WienEiner der zahlreichen Widersprüche der Gegenwart ist zwischen lokalen Sehnsüchten und globalem Anspruch aufgespannt. Für diesen Spagat bemüht sich bereits das Kunstwort „Glokalismus“ um Aufnahme in den Wortschatz. So neu ist besagtes Dilemma freilich nicht. Bereits 1972 beantwortete es der US-Biologe René Jules Dubos mit der wohlbekannten, in der Regel missverstandenen Aufforderung: „think globally, act locally“ – global denken, lokal handeln. Das Mantra ist nach wie vor populär, doch scheint kaum jemandem aufzufallen, dass es mittlerweile auf den Kopf gestellt wurde. Die Umweltbewegung, für die Dubos einst, als es tatsächlich um „Umwelt“, also konkrete Lebenswelt ging, Stichwortgeber war, fordert heute vor allem „globales Handeln“ ein. Dabei wird vergessen, warum Dubos das Gegenteil betonte.
Einer der zahlreichen Widersprüche der Gegenwart ist zwischen lokalen Sehnsüchten und globalem Anspruch aufgespannt. Für diesen Spagat bemüht sich bereits das Kunstwort „Glokalismus“ um Aufnahme in den Wortschatz. So neu ist besagtes Dilemma freilich nicht. Bereits 1972 beantwortete es der US-Biologe René Jules Dubos mit der wohlbekannten, in der Regel missverstandenen Aufforderung: „think globally, act locally“ – global denken, lokal handeln. Das Mantra ist nach wie vor populär, doch scheint kaum jemandem aufzufallen, dass es mittlerweile auf den Kopf gestellt wurde. Die Umweltbewegung, für die Dubos einst, als es tatsächlich um „Umwelt“, also konkrete Lebenswelt ging, Stichwortgeber war, fordert heute vor allem „globales Handeln“ ein. Dabei wird vergessen, warum Dubos das Gegenteil betonte. Ist „globales Handeln“ möglich? Einen Hinweis auf das Problem dieses Zugangs liefert ein neues Internet-Portal, das verspricht, was alle suchen: globale Veränderung, Erlösung, Neubeginn. Global Mindshift versucht die Welt zum Besseren zu verändern, indem Menschen zu einem Umdenken bekehrt werden sollen, das darin besteht, folgendes Mantra zu übernehmen: „there’s is no solution to one problem without a solution to them all together“ – keines der „globalen Probleme“ (Armut, Umweltzerstörung, Krieg) lässt sich lösen, ohne alle davon zu lösen. Diese Ansage ist genauso hoffnungslos wie sie sich anhört: Hieß es bisher bloß, die einzig relevanten Probleme seien viel zu groß, zu global, als dass wir einzelne Menschen etwas daran ändern könnten, sollen nun die globalen Probleme für sich überhaupt unlösbar sein. „Alles oder nichts“ ist die Devise, vollständige globale Umkrempelung (und natürlich Kontrolle) des Planeten und der Menschheit seien nötig. Genau diesen Zugang enttarnte René Dubos einst als bequemes Ablenkungsmanöver. Denn echte, leibhaftige, realistische Menschen könnten gar nicht „global handeln“, die Betonung des Globalen im Handeln sei daher eine einfache Ausrede, um selbst nicht zu handeln, nichts zu verändern, bloß vor dem Fernsehschirm über „globale Probleme“ zu jammern. „All das Reden über Probleme noch nie da gewesener Tragweite, all die furchtsamen Zelebrierungen unserer Macht, all das Händeringen um den Tod der Natur sind Ablenkungen von den alltäglichen Umständen und Problemen der Menschen rund um die Welt.“ Dubos machte sich gar etwas lustig über jene verlotterte Studenten, die meist am lautesten „global action“ urgierten. Ihr wollt eine bessere Umwelt?, fragte er sinngemäß (etwas subtiler und codierter), seht euch eure „Umwelt“ an! Eure öffentlichen Räume verdreckt und vandalisiert ihr, eure Beziehungen beschädigt ihr, eure Zimmer ersticken im Chaos, euer Umgang ist rücksichtslos. Wer nicht lokal handelt, handelt gar nicht – es bleibt bei bloßer Absichtsbekundung, Machtlegitimierung und Angstrhetorik. Lokale Sehnsüchte Interessanterweise wird dieses „globale Handeln“ in der Regel erstaunlich lokal gedacht. So ist es momentan populär, aus vorgeblich „ökologischen“ Gründen einem nationalistischen Bioregionalismus anzuhängen, nur „deutsch“ oder „österreichisch“ zu kaufen. Wer bei Fremden kauft, sei Umweltsünder und Klimaleugner. Doch ist es per se schlecht, dem Lokalen besonderes Augenmerk zu schenken? Ist nicht lokales Denken die Voraussetzung für lokales Handeln? In der Tat geht der Ansatz lokaler Veränderung mit einem Fokus auf kleinräumigere Umwelten einher. Die gefühlte und schließlich tatsächliche Unfähigkeit zu lokalem Handeln ist meist durch Unfähigkeit zum Denken in menschlichen Dimensionen bedingt – ob räumlich oder zeitlich. Wilhelm Röpke nannte diese Mut machende Einsicht in die Beschränktheit unserer Natur und Wirkung das „menschliche Maß“. Der österreichische Vordenker der Umweltbewegung Leopold Kohr beschrieb dieses Maß so: „Das Maß aller Dinge ist daher der Mensch, nicht die Menschheit, die Gesellschaft, die Nation oder der Staat. Da der Mensch klein ist, müssen auch seine Institutionen - Familie, Betrieb, Wirtshaus, Spital, Dorf, Stadt, Gesangverein - relativ klein bleiben, wenn sie ihn nicht zerquetschen sollen.“ Die Folge der Loslösung von menschlichen Dimensionen ist Entfremdung (Marx), bzw. Anomie (Durkheim). Der Mensch verkümmert als Akteur, wenn er keinen Einfluss auf seine Lebenswelt mehr zu haben scheint, sich nur noch als Atom von unsichtbaren Händen hin und her geworfen fühlt. Bei Mark und Durkheim ist diese Kritik vor allem eine Kritik an der Arbeitsteilung, die wirtschaftliche Beziehungen „globalisiert“. Entspricht lokal begrenztes Wirtschaften Dubos Gebot des lokalen Handelns? Lokale Wirtschaft? Die Designlehrerin Kelly Cobb versuchte unlängst in Philadelphia diesen Ansatz wörtlich zu nehmen. Mit ihren Studenten machte sie sich an folgendes Projekt: einen kompletten Anzug zu schneidern, der nur aus Materialen besteht, die innerhalb von 160 Kilometern produziert werden, und ausschließlich lokale Arbeitskraft zu nützen. 20 örtliche Handwerker konnte sie dazu gewinnen. Drei Schafe gaben die Wolle, die in traditioneller Weise gesponnen wurde. 500 Mann-Stunden später war die Aufgabe erledigt, jedoch sieht sich das Resultat nun heftiger Kritik ausgesetzt. Zum einen konnten 8% der Materialien nicht ersetzt werden. Cobb rechnet damit, dass dieser verbleibende Anteil nach eineinhalb Jahren Arbeit lokal substituiert werden könnte. Zum anderen erinnert der „Anzug“ eher an vorzivilisatorische Bekleidungen. Wo liegt das Problem? Zwei Aspekte überschneiden sich hier: a) die Intention, durch lokale Begrenzung der Materialien, einen lokalen Bezug zu schaffen, sowie b) durch Begrenzung der Arbeitsteilung einen menschlicheren Bezug zum Endprodukt zu erhalten. Der erste Aspekt stellt sich leider als Irrtum heraus: Durch das Projekt erfährt die Region keine Aufwertung, sondern eine Entwertung – denn nicht jene Bereiche, in denen besondere lokale Vorzüge bestehen, stechen heraus, sondern stets die Bereiche lokaler Mängel. Es genügt ein kleines Loch, um etwas unbrauchbar zu machen, so exquisit alles um das Loch herum auch sein mag. Auch die häufig vorgebrachten Motive für lokale „Importsubstitution“ sind leicht als ökonomische Irrtümer zu enttarnen: Der Anzug benötigte mehr Arbeit, mehr Energie (!) und höhere Kosten als Alternativen, die weniger begrenzt angelegt sind. Für Punkt b) spricht mehr, doch auch diese Intention ist problematisch. Tatsächlich sind wir von den meisten Dingen, die wir nutzen, „entfremdet“. Bei den technischen Geräten, die uns immer zahlreicher umgeben, kann diese „Entfremdung“ gar in Abhängigkeit und Hilflosigkeit umschlagen. Viele haben den Eindruck, immer weniger ihrer Lebenswelt verstehen und nachvollziehen zu können. Dies erscheint als fraglicher Fortschritt: relativ zur Umwelt immer unwissender und unbeteiligter zu werden. Unser persönlicher Beitrag zu den Dingen, die wir und unsere Mitmenschen benötigen und nachfragen, erscheint immer nichtiger und diffuser. Kein Wunder, dass die Existenzangst viele quält, vollkommen unwichtig und dadurch wertlos zu sein. Diese „Entfremdung“ mag zum Teil Grund für die moderne Sinnleere zu sein, doch vielmehr noch ist sie ein Symptom. Führt der Selbstversorger ein sinnvolleres Leben? Letztlich ist die Sehnsucht nach dem Lokalen im Wesentlichen eine Sehnsucht nach Sinn. Die Begrenzung der Arbeitsteilung auf das Lokale, auf uns potentiell bekannte und für uns greifbare Menschen, ist nur die Vorstufe einer konsequent daraus folgenden Begrenzung auf uns selbst. Dahinter steht die romantische Vorstellung, durch die „Reappropriierung des Alltäglichen“, das Zurückerringen der Schöpfungsgewalt über unsere Lebensmittel, unsere Existenz wieder mit Sinn zu erfüllen. Diese Vorstellung hat in der Tat einen wahren Kern: Handel durch regionale und schließlich Eigenproduktion zu ersetzen, hat notwendigerweise ein asketischeres Leben zur Folge. Und Verzicht ist eines der besten Mittel, das Wesentliche zu erkennen. Wer auf Bequemlichkeiten verzichtet, wird oft durch Reichtümer belohnt: Die Reichtümer eines sinnerfüllten Lebens, in dem zuvor als selbstverständlich Ignoriertes, an Wert und Sinn gewinnt. Doch wer den Verzicht zum Selbstzweck erkürt, läuft Gefahr, genau das Gegenteil zu erreichen: aus der gefühlten Sinnlosigkeit eine Lebensfeindlichkeit an sich zu folgern. Die Einschränkung der Arbeitsteilung als Selbstzweck kann keine Sinnleere füllen, sondern dreht den Spieß bloß um: Unser Leben wird dann bloß auf das bescheidene Format des kümmerlichen, uns selbst zugestandenen Sinns zugeschnitten, um wieder vermeintlichen Einklang zwischen Anspruch und Realität zu schaffen. Was bedeutet fehlende Arbeitsteilung für den Sinn suchenden Menschen? Bloß bittere Verschwendung: Wäre die Existenz des brillanten Musikers und des genialen Ingenieurs sinnvoller, wenn sie ihre Socken selbst strickten? Bei Menschen die ihre Berufung gefunden haben und somit das Wesentliche schon erkannt und zu schätzen gelernt haben, wird offensichtlich, dass eine Reduktion der Wirtschaftsräume lebens- und sinnfeindlich ist. Für diejenigen freilich, deren Suche bisher stets enttäuscht wurde, mag die Reduktion als Einkehr und Askese durchaus einen Weg zur Erkenntnis bieten – Garantie gibt es hier aber keine. Die Gefahr lokalen Denkens Während menschliches Handeln notwendigerweise lokal begrenzt ist, ist eine lokale Begrenzung des Denkens jedoch ein gefährlicher Irrweg. Zunächst läuft lokal begrenztes Denken Gefahr, die Universalität des Menschen und seiner Würde außer Acht zu lassen. Dabei gehen Nationalismus und Kulturrelativismus paradoxerweise oft Hand in Hand. Ersteres ist das Denken jeder Handlungsoption in einem rein nationalen, meist politischen Kontext. Die Folge sind gegen andere abgegrenzte, imaginäre Konzepte „unserer“ Umwelt, „unserer“ Wirtschaft, „unserer“ Arbeitskräfte etc. Kulturrelativismus hingegen opfert die universelle Menschenwürde „kulturellen“ Ausreden und verwechselt die gleiche Würde der Menschen mit einer nivellierenden und indifferenten „Gleichwertigkeit“ von Kulturen und Institutionen. Armut, Zwang, Missbrauch etc. können dann nie endogen, sondern nur exogen sein, d.h. von außen auferlegt, und wer kein äußeres, „globales Handeln“ legitimiert, trage Mitschuld an diesen Missständen. Eine weitere Folge lokal begrenzten Denkens ist der Historismus: die Ablehnung aller allgemein gültigen Gesetze menschlichen Handelns. Dieser Zugang verurteilt die Sozialwissenschaften zur bloßen historischen Datensammlung. Wenn alles nur lokal Bedeutung und Gültigkeit hat, dann können wir folglich nichts lernen und sind dazu verurteilt, stets zu „experimentieren“, also jeden Unsinn ad infinitum zu wiederholen. Schließlich führt lokal begrenztes Denken zu einer seltsamen Dichotomie zwischen dem Lokalen und dem Globalen. Denn wer lokal begrenzt denkt, für den ist es nahe liegend, dass die Vorgänge im lokalen und jene im globalen Kontext gänzlich unterschiedlich und nicht vergleichbar sind. Dieser Zugang kann als Mikro-/Makro- Schizophrenie bezeichnet werden. Bedeutet globaler Handel globales Handeln? Die Weitläufigkeit moderner Wirtschaftswege führt natürlich zu einer gewissen „Globalisierung“ unserer Lebenswelten. Dem kann man ablehnend, aber auch euphorisch gegenüber stehen. Beide Standpunkte sind berechtigt, aber für sich genommen irreführend. Ein Beispiel für eine euphorische Diskussion „globalisierte Lebensräume“ ist der österreichische Ökonom Friedrich August von Hayek. Er sieht – so wie Karl R. Popper – einen markanten Zivilisationsfortschritt darin, dass die Menschheit aus der Stammesgesellschaft in die „Große Gesellschaft“ übertritt. Diese „Große Gesellschaft“ jedoch erfordere eine Umorientierung unserer moralischen Intuition, die herkömmliche „Stammesmoral“ sei überholt und im modernen Kontext gefährlich. Hayek geht sogar soweit, die Totalitarismen des vergangenen Jahrhunderts als verzweifelte Versuche der Anwendung einer veralteten Moral auf moderne Gesellschaften zu interpretieren. Die „Große Gesellschaft“ zeichne sich gerade dadurch aus, dass wir überwiegend mit Fremden zu tun hätten und daher die meisten unserer Beziehungen anonym wären. Diese Anonymität ermögliche jedoch erst jene „Größe“, die Bedingung der Zivilisation sei. Diese Auffassung enthält einen großen Kern Wahrheit, doch ist sie übertrieben und daher irreführend. Der brillante Philosoph Anthony de Jasay widerlegte Hayeks Vorstellung unlängst in einem Vortrag. De Jasay wies darauf hin, dass es absurd wäre, Anonymität als Voraussetzung einer modernen Gesellschaft zu betrachten, denn es gäbe keine „anonymen Verträge“. Bei vollkommener Anonymität gäbe es weder Handel noch arbeitsteilige Produktion, noch überhaupt eine Gesellschaft. In Wirklichkeit sei eine Gesellschaft ein kostbares Netz persönlicher Beziehungen und damit gewissermaßen eine Antithese zur Anonymität. Das Bild von der Gesellschaft als Netz führt zu einer ganz anderen Relation zwischen Größe und Anonymität. Denn die Größe eines Netzes hängt nicht zu letzt davon ab, wie stabil die Fäden sind und wie dicht es geknüpft ist. Eine bemerkenswerte Illustration dieses Umstandes lieferte die ökologisch orientierte Urbanistin Jane Jacobs in ihrer lebhaften Beschreibung des Stadtlebens (The Life and Death of Great American Cities). Städte gelten als Wiege der Zivilisation und auch der „großen“, anonymen Gesellschaft. Doch Jacobs zeigte, dass Städte besonders davon abhängen, dass dort funktionelle, kleinräumige Netze persönlicher Beziehungen bestehen, sonst sterben sie unweigerlich ab. Damit wird deutlich, dass die Größe einer Gesellschaft die Folge einer stabilen Struktur ist – ohne persönliches Vertrauen ist Handel undenkbar. Je größer die Distanzen, desto größer die Wagnisse, je größer die Wagnisse, desto wichtiger Vertrauen und stabile Gesellschaftsstrukturen. Globale Wirtschaftsräume benötigen daher lokale Verankerung und lokales Handeln. „Lokal“ hat hierbei aber nicht notwendigerweise eine regionale, nationale, gar ethnische Bedeutung. „Lokales Handeln“ meint das auf einen konkreten Nächsten gerichtete Handeln realer Individuen, das beschränkt und daher menschennah ist. Es ist ebenso lokales Handeln, einem oder mehreren konkreten Menschen auf einem anderen Kontinent zu helfen – allerdings nur wenn es bewusstes und daher stets beschränktes Handeln ist. Jedes Handeln ist eine Einschränkung von Optionen – denn es ist eine Entscheidung gegen unendlich viele Alternativen. Wer einem Menschen hilft, hilft Milliarden anderen nicht. Ein Schuldgefühl wäre hier aber gänzlich deplaziert: Wer zur Beschränkung nicht fähig ist, verliert die Möglichkeit überhaupt zu handeln. In diesem Sinne können wir schließlich Dubos Empfehlung bestätigen: Statt begrenztem Denken und entgrenztem Handeln ist eine Entgrenzung des Denkens und eine Begrenzung im Handeln nötig, um die Welt ein kleines Stück zum Besseren zu verändern. Also: Global denken, lokal handeln – nicht umgekehrt! Quelle: Unwesentlich gekürzte Fassung des gleichnamigen Artikels vom 23.04.2007 in liberty.li
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