Startseite Newsroom Gastbeiträge Ist Papst Benedikt XVI. ein wahrer Liberaler? (N. F. Tofall)
Ist Papst Benedikt XVI. ein wahrer Liberaler? (N. F. Tofall) PDF Drucken E-Mail

Gastbeitrag von Norbert F. Tofall, Paderborn

„Here is the voice of a true liberal. Long live Benedict XVI.“ Mit diesen Worten begrüßte im Jahr 2005 der Präsident des liberalen Lord Acton Instituts in Grand Rapids (Mich./USA), Pater Robert A. Sirico, die Wahl von Joseph Ratzinger zum Papst. Während im alten Europa erneut vom reaktionären Panzerkardinal gesprochen wurde, scheint man in den Vereinigten Staaten, in denen konservative evangelikale Freikirchen mit politischer Sendungsmission  zusehends Einfluß auf die aktuelle Tagespolitik und den Staat gewinnen, die Texte von Joseph Ratzinger genauer hinsichtlich des Verhältnisses von Kirche und Staat und bezüglich des Umfangs der Staatsaufgaben gelesen zu haben.

Pater Sirico verdeutlicht: „Ratzinger has been more focused on the theological implications of political heresies such as liberation theology than he has in questions of economic systems. But he has written with great optmism about the prospects for a new and unified Europe – not unified by the state but by faith and cooperation. He has written very powerful condemnations of the total state as we know it and decried the way in which the secularist social-managerial project of the overweening state has displaced the Christian vision of unity in faith.“ Und Sirico zitiert direkt aus Ratzingers Text „Freedom and Constraint in Church“ von 1981, wenn er fortfährt, daß Ratzinger immer über das wahre Geschenk der Freiheit geschrieben habe, „that Christian faith has brought into the world. It was the first to break the identification of state and religion and thus to remove from the state its claim of totality; by differentiating faith from the sphere of the state it gave man the right to keep secluded and reserved his or her own being with God... Freedom of conscience is the core of all freedom“ (Ratzinger, 1981).

Besonders bemerkenswert ist nun, daß sich diese liberalen Grundüberzeugungen nicht nur in Ratzingers Sammelband „Werte in Zeiten des Umbruchs“ aus dem Jahr 2005 finden, sondern theologisch viel tiefer gründend in seinem im April 2007 erschienenen Werk „Jesus von Nazareth“. Hinsichtlich der dritten und letzten Versuchung Jesu, zu der der Teufel Jesus visionär auf einen hohen Berg führt und ihm alle Königreiche der Welt und deren Glanz zeigt und Jesus das Weltkönigtum anbietet, führt Ratzinger aus: „Aber kehren wir zurück zur Versuchung. Ihr wahrer Gehalt wird sichtbar, wenn wir sehen, wie sie die Geschichte hindurch immer neue Gestalt annimmt. Das christliche Kaisertum versuchte alsbald, den Glauben zum politischen Faktor der Reichseinheit zu machen. Das Reich Christi soll nun doch die Gestalt eines politischen Reiches und seines Glanzes erhalten. Der Ohnmacht des Glaubens, der irdischen Ohnmacht Jesu Christi soll durch politische und militärische Macht aufgeholfen werden. In allen Jahrhunderten ist in vielfältigen Formen diese Versuchung immer neu aufgestanden, den Glauben durch Macht sicherzustellen, und immer wieder drohte er gerade in den Umarmungen der Macht erstickt zu werden. Der Kampf um die Freiheit der Kirche, der Kampf darum, dass Jesu Reich mit keinem politischen Gebilde identisch sein kann, muss alle Jahrhunderte geführt werden. Denn der Preis der Verschmelzung von Glauben und politischer Macht besteht zuletzt immer darin, dass der Glaube in den Dienst der Macht tritt und sich ihren Maßstäben beugen muß“ (S. 68-69). Der christliche Glaube darf deshalb nicht durch Zwang und Gewalt durchgesetzt werden, sondern muß – und kann auch nur („Die Gedanken sind frei, kein Mensch kann sie wissen, kein Jäger erschießen!“) – vom einzelnen Menschen in freier Entscheidung angenommen und gelebt werden. Theologisch gründet diese Einsicht „auf der irdischen Ohnmacht Jesu Christi“, dessen Reich nicht von dieser Welt ist. Und diese Einsicht bildet, worauf Ratzinger allerdings nicht hinweist, den Ursprung des Liberalismus. Dessen Kampf beginnt im 16. und 17. Jahrhundert nicht zufällig mit dem Kampf um die Religions- und Gewissensfreiheit. Gerade weil den Menschen Religion und Gott wichtig waren, war die Entstaatlichung der Religion, die leider oft mit dem mißverständlichen Begriff Privatisierung der Religion beschrieben wird, für die christliche Zivilisation Europas und für das Christentum an sich überlebenswichtig. Die Freiheit und Toleranz des Liberalismus darf deshalb nicht mit Beliebigkeit oder gar Relativismus verwechselt werden, wie dieses heute häufig geschieht.

Ratzinger wird an anderer Stelle, an der er die Bergpredigt betrachtet, noch deutlicher: „Die konkreten Rechts- und Sozialgestalten, die politischen Ordnungen werden nicht mehr als sakrales Recht buchstäblich für alle Zeiten und damit für alle Völker festgelegt. Entscheidend ist die grundlegende Willensgemeinschaft mit Gott, die durch Jesus geschenkt ist. Von ihr her sind die Menschen und die Völker nun frei, zu erkennen, was in politischer und sozialer Ordnung dieser Willensgemeinschaft gemäß ist, um so selbst die rechtlichen Ordnungen zu gestalten. Das Fehlen der ganzen Sozialdimension in Jesu Predigt ... birgt und verbirgt zugleich einen weltgeschichtlichen Vorgang, der als solcher in keinem anderen Kulturraum stattgefunden hat: Die konkreten politischen und sozialen Ordnungen werden aus der unmittelbaren Sakralität, aus der gottesrechtlichen Gesetzgebung entlassen und der Freiheit des Menschen übertragen, der durch Jesus im Willen Gottes gegründet ist und von ihm aus das Recht und das Gute sehen lernt“ (S. 151). Und das ist auch der Grund, weshalb sich Joseph Ratzinger und Papst Johannes Paul II. konsequent gegen die sogenannte Theologie der Befreiung gewandt haben. Die Theologie der Befreiung hebt die gesellschaftliche Ausdifferenzierung, die Trennung von Religion und Politik, die durch Jesus Christus ausgelöst wurde, wieder auf. Die letztlich marxistische Theologie der Befreiung erliegt der gleichen Versuchung wie das christliche Kaisertum. Aus christologischer Sicht, die das Anliegen von Ratzingers gesamtem Jesus-Buch ist, wird christliche Erlösung so verfehlt. Zugleich hatte Ratzinger bereits 1986 in seinem Vortrag „Politik und Erlösung. Zum Verhältnis von Glaube, Rationalität und Irrationalem in der sogenannten Theologie der Befreiung“ zugestanden, dass seine eigene Lehre „keine exklusiven politisch-ökonomischen Projekte anbieten (kann); sie kann keine kompakten und mit Notwendigkeit eintretenden Verheißungen geben; sie kann vor allem keine Endgültigkeit politischer Heilszustände versprechen. Denn wenn die Politik immer auf der Freiheit und immer auf der sittlichen Verantwortung des Menschen ruht, dann gibt es den endgültigen und endgültig zwingenden Fortschritt in ihr nicht“ (S. 22) „Die Werke rechtfertigen nicht, d.h. die Politik erlöst nicht, und wenn sie diesen Anspruch erhebt, wird sie zur Sklaverei“ (S. 24). – Das ist die Stimme eines wahren Liberalen. Lang lebe Benedikt XVI.

 
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