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Rationale Ignoranz (Hubert Milz) PDF Drucken E-Mail
Mittwoch, 29. August 2012

Gastbeitrag von Hubert Milz

Frank Karsten und Karel Beckman sezieren eine "Heilige Kuh", nämlich das demokratische Prinzip der westlichen sog. Liberal-Demokratien und den Legenden und den Mythen, die sich um dieses Prinzip ranken.

Vorweg: Die beiden Autoren erinnern mich sehr stark an die fundamentale Kritik und die fundamentalen Analysen, welche der kurz vor Ende des letzten Jahrtausend verstorbene Privatgelehrte Erik von Kuehnelt-Leddihn (EKL) auch erfrischend klar, logisch frech und beherzt publizierte.


Dabei habe ich stets irgendwie das Gefühl, als ob dieses Buch immer wieder noch irgendwo stetig ergänzt wird durch eine gute Prise "Hans-Hermann Hoppe".

Genauso wie EKL räumen die beiden Autoren mit der Legende auf, dass jede Stimme Gewicht hat. Vielmehr zeugt das Verhalten vieler Wahlberechtigten - nämlich nicht zur Wahl zu gehen - von rationaler Ignoranz; denn das Volk herrscht keinesfalls in der Demokratie. Genau wie seinerzeit EKL belegen und zeigen die beiden Autoren, dass die Gründungsväter der USA mitnichten Demokraten waren - "Freiheitsapostel" ja, doch keineswegs Demokraten. Dies kann man z. B. durch zwei Zitate von jenen Gründungsvätern belegen: "Demokratie ist nicht mehr als Pöbelherrschaft wo 51 Prozent der Menschen den anderen 49 Prozent ihre Rechte nehmen dürfen" und "Demokratie ist, wenn zwei Wölfe und ein Lamm darüber abstimmen, was sie zu Mittag essen wollen"! Die US-Gründungsväter hielten - genau wie EKL und die beiden Autoren - nichts von der Mehrheitsherrschaft, wie diese in unseren Liberal-Demokratien organisiert ist, denn

  • die Mehrheit hat keineswegs immer recht - höchstens manchmal und dann zufälligerweise (in der alten Fernsehserie "Königlich Bayerisches Amtsgericht aus den 1960er Jahren sagte der Herr Ökonomierat, Guts- und Brauereibesitzer Joseph Fäustl: Die Mehreren haben nie recht!");
  • neutral ist die Demokratie sicherlich nicht;
  • nur scheinbar führt die Demokratie zu einem mehr an allgemeiner Wohlfahrt, vielmehr führt die Demokratie zur Vernichtung des Wohlstandes bzw. zumindest zur Verlangsamung der Zunahme an Wohlstand;
  • eine Harmonie innerhalb der Gemeinschaft fördert die Demokratie eben auch nicht;
  • die Demokratie ist nicht gleichzusetzen mit Freiheit und Toleranz, Freiheit ist etwa anderes und Demokratie setzt unduldsam zu Lasten von Minderheiten und/oder Randgruppen irgendwelche und irgendwie fabrizierte "Mehrheitsmeinungen" durch;
  • von daher ist die Demokratie nicht nur unduldsam ins Innere, sondern auch unduldsam nach Außen, also alles andere als friedfertig;
  • in einer Demokratie bekommen die Leute nicht was sie wollen, eher das Gegenteil;
  • in einer Demokratie wird geschachert, intrigiert und gefeilscht, Korruption und Neid blühen zum Schaden des friedlichen Beisammenseins; usw., usf.

Wie vor den beiden Autoren schon durch EKL dargelegt hat, wird auch hier vorgeführt wie die Volksvertreter in den westlichen Liberal-Demokratien um Mehrheiten schachern, das Geld anderer Leute für andere Leute zum Fenster hinauswerfen, etliche Gesetze (vor allem EU-Gesetze) nichts mit Recht zu tun haben und totalitäre und zentralistische Tendenzen begünstigt werden, diese sogar fördern oder initiieren.

Für die Autoren sind Lösungen in der konsequenten Dezentralisation der Staaten und Gesellschaften zu suchen. Auf den oberen Ebenen sollten nur ganz wenige allgemeine Regeln herrschen und alle Dinge, welche die Menschen auf lokaler und kommunaler Ebene lösen können, sollten auch dort - da die Probleme und ihre Lösungen selbstverständlich auch dorthin gehören - gelöst werden, und zwar nach Möglichkeit friedfertig und auf der Basis des freiwilligen Tun und Lassens.

Dezentralisiert und auf die lokale/kommunale Ebene (z. B. im Verein oder im Dorf: face to face, die Vereinsmitglieder oder Dorfbewohner kennen sich untereinander) herunter gebrochen, können die Aufgaben und Probleme der Menschen in kleinen Einheiten auch durch demokratische Verfahren funktionsfähig gelöst werden. Ich denke, dass hier die Ähnlichkeiten zum ursprünglichen Demos der griechischen Polis bezeichnend sind.

Oberhalb der lokalen Ebenen werden demokratische Verfahren zur Tyrannei der Mehrheit, zu einer Abart der kollektivistischen Diktatur durch die Hintertür – und dies zeigen die beiden Autoren anhand dessen, wie heutzutage die liberal-demokratischen Staaten in der Praxis durch die politischen Akteure gehandhabt werden.

Die Schweiz (und vielleicht noch Liechtenstein) schweben den beiden Autoren als Leitbild vor Augen. Daraus folgt aber auch: Abschiednehmen von den schlimmen Träumen und grauenhaften Visionen zur Installierung eines mächtigen und gigantisch großen EU-Super-Zentral-Staates. Die Instrumente, die zur Realisierung solcher Träume und Visionen dienten, haben doch erst die Probleme (z. B. Schuldenkrise) geschaffen und sind somit völlig ungeeignet den Völkern Europas eine vernünftige Lösung anzubieten – jedenfalls nicht, wenn die Menschen in einer guten und freien Gesellschaft/Gemeinschaft leben möchten.

Insgesamt gesehen ist das Büchlein ein Lesevergnügen, dass man zu diesem Thema selten findet; denn ohne Rücksichtnahme auf die "quasireligiösen Tabus" der westlichen Demokratien und gegen die abartigen Vorgaben der "political correctness", bürsten die beiden Autoren provakant gegen den Strom der üblicherweise "veröffentlichten Meinung".


Literatur: Karel Beckman, Frank Karsten: Wenn die Demokratie zusammenbricht. Warum uns das demokratische Prinzip in eine Sackgasse führt, Finanzbuch Verlag, München 2012.

Quelle: Die Rezension erscheint bei Buchausgabe.de

 
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