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Überraschend hat mich der Info-Brief 2010 „Aus den Kirchen - Für die Länder“ des Beauftragten der evangelischen Kirchen bei den Ländern Berlin und Brandenburg und des katholischen Büros des Erzbistums Berlin erreicht. Die abschließende Karikatur scheint mir leider sinnbildlich für die Erosion des ökonomischen und sozialen Verständnisses der Kirchen zu stehen:
Die Karikatur suggeriert, dass insbesondere gering qualifizierte Menschen wie die abgebildeten Kassiererinnen immer länger arbeiten müssten, möglicherweise auch, um sich ihren Lebensstandard leisten zu können. Ähnlich soll es den Kunden des Supermarktes gehen. Entsprechend wird indirekt die Deregulierung der Ladenöffnungszeiten sowie der Arbeitszeit insgesamt beklagt.
Und nun zur Realität (Kaufkraft je Arbeitszeit): - 1950 musste man für 250g Markenbutter 1:16 Stunden arbeiten, 2007 nur noch 5 Minuten. - 1950 musste man für 1 kg Zucker 1:04 Stunden arbeiten, 2007 nur noch 5 Minuten. - 1950 musste man für ein Fahrrad 138:36 Stunden arbeiten, 2007 nur noch 22:53 Stunden. - 1950 musste man für einen Herrenanzug 108:38 Stunden arbeiten, 2007 nur noch 17:15 Stunden. Tatsächlich ist die Kaufkraft für die breite Masse der Bevölkerung also drastisch gestiegen, genauso wie der Wohlstand. Die penetrante Behauptung wachsender Armut in Deutschland ist ein nicht auszurottender Mythos. Hinzu kommt eine Umverteilungsmaschinerie, die allein im Ressort Arbeit und Soziales unfassbare 150 Mrd. Euro beträgt.
Zugleich ist die wöchentliche Arbeitszeit deutlich gesunken - von 1950 durchschnittlich 48 Stunden bis auf 35 Stunden Ende der 90er Jahre, um anschließend wieder auf beispielsweise 41 Stunden für Beamte Mitte der 2000er anzusteigen, was immer noch 14% weniger für diese Berufsgruppe sind als 1950 - bei Urlaubsansprüchen, die über Europa hinaus zur Spitzengruppe gehören.
Man kann sich grundsätzlich fragen, mit welchem Recht eine dritte Partei die freien Vertragsverhandlungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer mit Zwang beschränkt und einem Eigentümer vorschreibt, wann er sein Geschäft öffnen darf. Die Deregulierung der Ladenöffnungszeiten verschafft vielen Menschen die Möglichkeit, ihr Lebensmodell als Arbeitnehmer und als Kunde - mit und ohne Familie - freier zu gestalten. Es ist durch nichts zu rechtfertigen, jemandem sein eigenes Lebensmodell oder das einer gut organisierten Gruppe aufzuzwingen, schon gar nicht in gut gemeinter Absicht. Was würden die Kirchen davon halten, wenn eine neu aufkommende gut organisierte Gruppe das Abhalten von Gottesdiensten am Sonntag als Ruhetag verbieten würde?
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