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Sonntag, 15. Februar 2009

Eine Minute Ordnungspolitik von Michael von Prollius

Das so genannte „nationalsozialistische Wirtschaftswunder“, die interventionistische, quasi-keynesianische Wirtschaftspolitik beschert dem Staatsoberhaupt des „Dritten Reiches“ noch heute nicht nur an Stammtischen ein zustimmendes Nicken. Rasse- und Vernichtungskrieg unbenommen, als Krisenmanager habe Hitlers starke Hand die Wirtschaft angekurbelt, den Menschen Arbeit und Brot gebracht – durch  Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, durch den Bau von Autobahnen, durch Arbeit statt maschineller Rationalisierung. Der größte Führer aller Zeiten habe für steigenden Wohlstand gesorgt, einen „Volksstaat“ (Götz Aly) geschaffen. So oder so ähnlich lauten die Einschätzungen.

 
Makroökonomisch kann sich die Wirtschaftsentwicklung von 1932-1936 sehen lassen. Die jährlichen Wachstumsraten betrugen: Bruttosozialprodukt fast 10%, Produktionsindex von Industrie und Handwerk über 17%, Privatkonsum vergleichsweise geringe 3,6%. Zugleich wuchsen die öffentlichen Ausgaben um fast 20% und der Anteil der Rüstung am öffentlichen Verbrauch verzehnfachte sich von 1932 bis 1936 nahezu auf knapp 60%. Zugleich sagen makroökonomische Daten wenig über die Änderung der Lebensbedingungen aus.

Die direkten Folgen der nationalsozialistischen Wirtschafts- und Militärpolitik waren eine Devisenkrise, eine Versorgungskrise insbesondere im Nahrungsmittel- und Rohstoffbereich, und beträchtliche Verluste der Unternehmen bei Weltmarktanteilen. Als Gegenmaßnahme wurde die Vierjahresplanorganisation unter Hermann Göring aufgebaut. Diese sollte durch Lenkung, Regulierung und Interventionen im Einzelfall in Zusammenarbeit mit der Industrie Abhilfe schaffen. Anschließend wurde eine Mengenbewirtschaftung eingeführt, die Reste der marktwirtschaftlichen Steuerung  Schritt für Schritt ausgeschaltet und die unternehmerischen Aktivitäten in den Dienst des Regimes gestellt.

Was den NS-Wirtschaftsaufschwung für manche Menschen so attraktiv erscheinen lässt ist die tatsächlich relativ rasche Eingliederung von Millionen von Arbeitslosen. Allerdings gingen die Menschen kaum produktiven Tätigkeiten nach. Beschäftigung schaffen kann jeder, Wohlstand mehrende Arbeitsplätze hingegen nicht. Der Bau eines Panzers steigert das Bruttoinlandsprodukt, aber nicht den Wohlstand. Das gilt auch für staatliche Infrastrukturmaßnahmen wie den Bau einer Brücke, auch wenn sie nach Nirgendwo führt. Hinzu kommt, dass immaterielle Kollektivgüter produziert wurden, darunter Sicherheit, Gemeinschaftsgefühl und Nationalstolz. Allerdings  stagnierte der Lebensstandard. Lohnempfänger arbeiteten nämlich mehr und verdienten real weniger. Abhängige Beschäftigte waren die Verlierer.

Zurückdrängung des Konsums, infolgedessen Spreizung der Einkommensverteilung, und Verschiebung der Industriestruktur hin zur Produktionsgüterindustrie, dies sind die drei großen Deformationen der NS-Wirtschaftspolitik. „Entgegen der Propaganda erreichte die Masse der Bevölkerung nicht mehr das Realeinkommens- und Konsumniveau, das sie Ende der 1920er Jahre in der Weimarer Republik genossen hatte.“ urteilt der Historiker Mark Spoerer. Der Lebensstandard verschlechterte sich im Vergleich zu anderen europäischen Staaten. Die schlechte gesundheitliche Versorgungslage ist in jüngsten Studien belegt.

Das „nationalsozialistische Wirtschaftswunder“ bleibt also ein Mythos – der „perfekte“ Interventionismus beispielhaft abschreckend für jedwedes Eingreifen in die Wirtschaft. Die Ergebnisse sind stets dieselben: Stagnation statt Volkswohlfahrt,  Geldentwertung und Regulierung. Der Staat gewinnt, die Menschen verlieren. Im schlimmsten Fall verlieren alle alles.  

 
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