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Die Kraft der Marktwirtschaft: Ludwig Erhards Wirtschaftsreform vom Sommer 1948
Samstag, 06. August 2005
Ludwig Erhard„Auch der hartnäckigste Gegner der Marktwirtschaft muss anerkennen, dass die Reform, gemessen an dem durch sie überwundenen Zustand, ein ungeheurer Erfolg und ein Experimentalbeweis für die Überlegenheit eines Wirtschaftsprinzips ist, so überzeugend wie ihn die Wirtschaftsgeschichte kein zweites Mal kennt. Ob man nun die Produktionsziffern, die Umsatztätigkeit, die Verkehrsstatistik, die Qualität der Waren, den Stand des Wiederaufbaus der zerstörten Städte oder die durchschnittliche Lebenshaltung zu Grunde legt, in allen diesen und den meisten anderen wichtigen Hinsichten ist der Unterschied zwischen heute und damals so ungeheuer, das Ausländer, die nach einigen Jahren heute nach Deutschland zurückkehren, von einem Wunder sprechen.“
Wilhelm Röpke, Gegen die Brandung, 195.
Weite Teile Deutschlands boten in der Nachkriegszeit für den Beobachter ein Bild der Zerstörung. Die Lage des Wirtschaftssystems vor der Währungs- und Wirtschaftsreform lässt mit der Formulierung "Westdeutschland war arm aber nicht unterentwickelt" kennzeichnen. Die Organisation der Wirtschaft und die Währung waren in einem kritischen Zustand, die wirtschaftlichen Kräfte und das ökonomische Potenzial aber keineswegs schwach. Allein ein selbst tragender Wirtschaftsaufschwung konnte sich nicht entwickeln. Die wirtschaftlichen Kräfte blieben durch eine zerrüttete Währung und eine dirigistische Wirtschaftsordnung gefesselt. Das sollte sich im Sommer 1948 ändern. Die Amerikaner führten weit gehend im Alleingang eine Währungsreform durch, die durch die Verbindung mit einer deutschen Wirtschaftsreform zur Grundlage des so genannten „Wirtschaftswunders“ wurde.

Die Grundlagen für die Wirtschaftsreform waren durch eine Gruppe neoliberaler Ökonomen bereits in den 30er Jahren geschaffen worden. Ausgelöst wurde die Wirtschaftsreform jedoch durch den Alleingang eines Mannes, der mit seiner Zigarre wie die rauchenden Industrieschornsteine zum Inbegriff des Wirtschaftswunders werden sollte: Ludwig Erhard. Er verkündete eigenmächtig und gegen den Willen der Besatzungsmächte im Rundfunk die Aufhebung der Preiskontrollen. Vier Tage später, am 24. Juni 1948, wurden mit dem "Gesetz über Leitsätze für die Bewirtschaftungs- und Preispolitik nach der Währungsreform" die rechtlichen Grundlagen zur Durchführung der Wirtschaftsreform gleichsam nachgereicht. Das nur wenige Absätze umfassende Gesetz sah die Ablösung der Mangelwirtschaft mit Bewirtschaftung und Preisstopp durch eine wettbewerbsorientierte Marktwirtschaft mit freier Preisbildung vor.

Auszug aus dem „Leitsätzegesetz“ vom 24. Juni 1948

Präambel: Die Auflockerung des staatlichen Warenverteilungs- und Preisfestsetzungssystems findet ihre Grenze dort, wo es darauf ankommt: 1. den Schutz des wirtschaftlich Schwächeren zu gewährleisten, 2. die Durchführung von Wirtschaftsprogrammen im öffentlichen Interesse zu sichern, 3. die Ausnutzung einer Mangellage durch monopolistische Einflüsse zu unterbinden.
  • Der Freigabe aus der Bewirtschaftung ist vor ihrer Beibehaltung den Vorzug zu geben.
  • Der Freigabe der Preise ist vor der behördlichen Festsetzung der Vorzug zu geben.
  • Soweit der Staat den Verkehr mit den Waren und Leistungen  nicht regelt, ist dem Grundsatz des Leistungswettbewerbs Geltung zu verschaffen.
  • Der Kreditpolitik ist von der Verwaltung für Wirtschaft im engen Einvernehmen mit den sonst dafür verantwortlichen Stellen besondere Aufmerksamkeit zu schenken.
  • Es ist darauf hinzuwirken, daß mit der Lockerung der Bewirtschaftung und der Preisbildung eine entsprechende Lockerung der Lohnbildung verbunden wird.
Quelle: Die deutsche Wirtschaftsordnung 50 Jahre nach dem Leitsätzegesetz, Ludwig-Erhard-Stiftung.
Die wütenden Vorhaltungen von Lucius D. Clay, dass Erhard die alliierten Vorschriften eigenmächtig abgeändert habe, soll der Direktor der Wirtschaftsverwaltung einer unverbürgten Anekdote zu Folge mit der entwaffnenden Antwort gekontert haben, dass es sie nicht verändert, sondern sie aufgehoben habe. Auf das Nachhaken des Erhard im allgemeinen wohl gesonnenen General Clay, seine Berater seien der Überzeugung er mache einen folgenschweren Fehler, habe Erhard geantwortet, er solle ihnen nicht glauben, denn seine Berater sagten ihm dasselbe.
Tatsächlich waren bereits im Juli 1948 rund 90% aller zuvor bestehenden Preisvorschriften aufgehoben. Um die Einführung der Marktwirtschaft zu erleichtern wurden flankierende wirtschaftspolitische Maßnahmen erlassen. Dazu gehörten Leistungsanreize durch eine Senkung der Einkommens- und Körperschaftssteuer sowie Steuerbefreiungen für Überstunden und für einbehaltene Gewinne zur Förderung der Selbstfinanzierung. Sie verbanden sich zu einer Steuerreform mit beachtlichem Ausmaß. Hinzu kam der Wegfall von Restriktionen im Außenhandel. Auf vielfache Weise wurden also Investitionsanreize geschaffen, die die Etablierung der Marktwirtschaft und damit die Steigerung der Leistungsfähigkeit der Wirtschaft über eine angebots- oder arbeitgeberfreundliche Wirtschaftspolitik fördern sollten.

Gleichwohl verlief der Übergang von der „Mangelwirtschaft“ zur „Wunderwirtschaft“ nicht ohne Turbulenzen. Eine Belastungsprobe waren die Preissteigerungen die nach der Währungsreform einsetzten und bis zum Ende des Jahres andauerten. In dieser Übergangszeit wurden eine Reihe staatlicher Sicherungsmaßnahmen ergriffen, zu denen das am 1. November 1948 angelaufene Jedermann-Programm und die Bekämpfung des Preiswuchers gehörten. Letzteres geschah u.a. durch die Veröffentlichung von „Preisspiegeln“ der Verwaltung für Wirtschaft, die angemessene Preisen bei ordnungsgemäßer Produktion auflisteten.

Jedermann-ProgrammDas Jedermann-Programm ist ein gutes Beispiel für eine wettbewerbsfördernde Wirtschaftspolitik. Ziel des Programms war eine erste Versorgung der Bevölkerung mit preiswerten Gütern für den alltäglichen Bedarf sicherzustellen, darunter Schuhe, Textilien, Haushaltswaren und landwirtschaftliche Maschinen, später auch Fahrräder, Herde, Öfen, Kinderwagen, Metallbetten, Porzellan. Die dazu ergriffenen Maßnahmen waren einfach und wirkungsvoll. An dem freiwilligen Programm konnte jedes Unternehmen teilnehmen, das die in Ausschreibungen ausgewählten Güter mit festgelegtem Qualitätsstandard und verbilligten Preisen herstellen konnte. Anreiz genug für die Unternehmen war die Aussicht auf einen massenhaften Absatz von Gütern, die ein Qualitätssiegel erhielten, sowie der bevorzugte Zugang zu Rohstoffen. Tatsächlich stellten sich die erhofften positiven Auswirkungen auf die Wirtschaftsordnung ein: stabile, niedrige Preise durch die Ankurbelung des Wettbewerbs, Produktionsanreize für die Herstellung von Gebrauchs- statt Luxusgütern, allgemeine Produktionsausweitung bei Rationalisierung der Fertigung. Im Konsumgüterbereich umfasste das von der Industrie wie den Verbrauchern gleichermaßen befürwortete Jedermann-Programm Anfang 1949 immerhin mehr als die Hälfte aller Waren. Nach der Ausweitung der Produktion lief es mangels angebots- und nachfrageseitigem Bedarf einfach aus.
Worin bestand nun der Erfolg der Wirtschafts- und Währungsreform? Die grundsätzliche Freigabe der Bewirtschaftung und vieler Preise für bewirtschaftete Güter sowie die Aufhebung des Lohnstopps am 3. November 1948 und die unmittelbar nachfolgende Einführung der Tariffreiheit ermöglichte eine effektivere, freiere Koordination der Wirtschaftsaktivitäten, eine effizientere Allokation der Ressourcen und damit eine dauerhafte Freisetzung des wirtschaftlichen Potenzials. Fortan wurden die Unternehmen wieder in die Lage versetzt, ihre wirtschaftliche Rentabilität zu kalkulieren und für die Arbeitnehmer lohnte es sich wieder Leistung gegen Lohn zu erbringen. Der Produktionsanstieg innerhalb eines halben Jahres betrug fast 50 Prozent. Außerdem war mit der Befreiung von den Fesseln der Lenkungswirtschaft ganz unmittelbar persönliche Freiheit verbunden.

Den wirtschaftspolitischen Erfolg sicherte das weitgehend konsequente ordnungspolitische Nachsteuern, d.h. ein Durchhalten der eingeschlagenen ordnungspolitischen Richtung trotz zum Teil kritischer Lage bis zum selbst tragenden Aufschwung – ein steiniger Weg. Am Anfang des scheinbaren Wunders stand also nichts Göttliches, sondern eine konsequente und umsichtige Wirtschaftspolitik, die auf marktwirtschaftlichen Grundsätzen beruhte.
 
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